Cavallo – Ausgabe Nr. 5 / 2005

Wie Phönix aus der Asche steige ich der Sonne entgegen. Das liegt nicht etwa daran, daß ich aus einem dunklen Keller krieche, sondern an Reitlehrerin Elke. Sie bringt mir gerade bei, wie ich möglichst sachte ein Pferd erklimme. Das linke Bein im Bügel, blicke ich schräg über Haflinger Hilkes Rücken in den blauen Himmel, bevor ich mein rechtes Bein wie eine Feder hebe und mich elegant in den Sattel gleiten lasse. Noch eleganter wäre freilich eine Aufstieghilfe.

“Recht so”, lobt Elke und beginnt mit dem Westernunterricht, bei dem sie mich genauso wachsam im Auge behält wie vorher beim Putzen, Satteln und Aufsteigen.”Laß mal die Hände ruhiger”, sagt sie, als ich auf der kleinen Hilke meine Kreise ziehe und übereifrig mit den Händen vor- und zurückgehe, als die Zügel noch lang sind. Weil meine Hände partout keine Ruhe geben wollen, soll ich sie links und rechts neben dem Sattelhorn aufstellen.

Das hilft. “Besser so”, lobt Elke. “Du musst nicht der Nickbewegung des Pferdes folgen, wenn du die Zügel lang hast.” Gleiches gilt für meine schubsende Hüfte. “Du brauchst Hilke nicht vorwärts schieben. Wenn sie nicht will gib ihr einen Klaps mit der Gerte.” Ich klapse Hilke, sie geht flotter – leider nicht mehr auf dem Zirkel. Lieber peilt sie ihren Kumpel an, der am anderen Ende des Platzes arbeitet. “Setz dich durch”, ruft Elke. Ich überzeuge Hilke nur mit leichter Schenkelkraft, und sie fügt sich. “Jetzt hast du sie!”Elke ist begeistert: „Im Schritt gewinnt man jeden Kampf“.

Als Lohn bekomme ich nun Hilkes volle Aufmerksamkeit. Sie geht wie am Schnürchen und ist nur per Stimme zu regulieren. So kann ich mich auf meinen Sitz konzentrieren. “Stell dich nicht auf die Zehenspitzen, sondern mit den Fußballen in den Bügel”, rät Elke, als wir leichttraben. “Wenn ich dir Hilke wegnehmen würde müsstest du mit den Füßen auf dem Boden stehen können ohne umzukippen.”

Weiter geht es im Galopp. Der fühlt sich holprig an. Elke erklärt, warum: “Deine Beine sind zu steif. Deswegen treibst du nicht im Takt, sondern dagegen. Hilke springt also den Galopp nicht sauber. Laß einfach die Beine locker ans Pferd fallen, das treibt Hilke im Takt vorwärts.” Ich beherzige Elkes Rat. Hilke springt nun viel freier, der Galopp auf der Haflingerstute wird zum weichen Genuß.

Nach dem Galopp übt Elke mit uns das Stoppen.

“Hilke bleibt auf `Whoa´ sofort stehen”, warnt sie. Stemm dein Gewicht nicht in die Bügel, sondern sitze schwer ein. Sonst hebelt es dich aus dem Sattel. Ich sage “Whoa” und natürlich hebelt es mich beim ersten mal aus dem Sattel. Elke lässt mich weiter üben. Nach ein paar Minuten klappt das Halten. “War doch schon ganz toll”, lobt sie und beendet die Stunde mit Schritt am langen Zügel. Für diesen aufmerksamen Unterricht hat Elke drei Hufeisen verdient. Obwohl sie nur in ihrer Freizeit einige Stunden gibt, unterrichtet sie logischer als mancher ausgebildete Reitlehrer. Ich habe gelernt, mit wenig Hilfen viel zu erreichen. Elke ließ mich die Übungen wiederholen, bis sie wirklich saßen, und lobte immer wenn sie gelangen.

Auch Haflingerstute Hilke bekommt drei Hufeisen. Für mich, angemeldet als Umsteigerin mit einjähriger Reitpause, war sie genau richtig: Der anfängliche Dickkopf mauserte sich unter Elkes Anleitung zu einem solide ausgebildeten Westernpferd mit hervorragendem Sitzkomfort. Drei Hufeisen gebe ich daher auch dem Preis-Leistungs-Verhältnis: 25 Euro für diesen Unterricht auf diesem Pferd sind sehr günstig.

Hilke lebt im Örtchen mit dem passenden Namen Himmelreich. Hier liegt für Pferde das Paradies auf Erden: Die Haflingerstute teilt sich mit rund zehn Schul- und Privatpferden einen großzügigen HIT-Bewegungsstall. Der bietet vom computergesteuerten Futterautomaten bis zu diversen Kratzbürsten alle erdenklichen Annehmlichkeiten. 345 Euro kostet ein Platz in der Gruppenhaltung.

20 weitere Pferde stehen in einem großzügigen, hellen Paddockstall, in dem eine sogenannte Trauf-First-Lüftung das ganze Jahr über das Klima reguliert (375 Euro pro Box und Monat).

Zum Erlenhof gehören eine helle Reithalle und ein riesiger Außenplatz. Auf hügeligen Weiden rundum stehen die Pferde den ganzen Tag an der frischen Luft. Diese Haltung ist für Pferde mehr als artgerecht und hat mindestens drei Hufeisen verdient. Ich habe leider nur drei zu vergeben, aber für diese himmlischen Haltungsbedingungen auf dem Erlenhof zählt jedes davon doppelt.

Quellangabe

Text und Bilder: Cavallo Heft Nr. 5 / 2005